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Mittwoch, 27. Februar 2019


Glückliche und wehmütige Tage

in Sondershausen von einst



Erinnerungen an Kindheit, ehemalige Schulkameraden und an die alte Burgstraße


VON HUBERT APPENRODT

Zu sehen ist die alte ehrwürdige Burgstraße in unserer kleinen beschaulichen Stadt, die, von der Hauptstraße abzweigend, zum lichthellen Markt hinaufführt, jedoch wegen der großen Häuserschatten immer ein wenig düster wirkt. Den Häusern auf beiden Seiten ist durch ihre Lage tagsüber nach wie vor wenig Sonnenlicht gegönnt.

In der Burgstraße wohnte einst auf der linken Straßenseite hochoben in einem betagten grauen Haus mit seiner Mutter unser Schulkamerad Bernd. Die Haustür knarrte stets beim Öffnen, das uralte Holz der Treppenstufen ebenso. Die kleine Mansardenwohnung mit Wohn- und Schlafstube war dann über einen uralten steilen Treppenaufgang erreichbar und erinnerte beim Heraufgehen wegen seiner wendelgangähnlichen Windungen eher an einen geheimnisvollen Turmaufstieg. Wir versuchten immer leise und unauffällig nach oben zu gelangen. Wir wollten nicht, daß sich die Türen öffneten und hellhörige Hausbewohner, eine kleine Kinderschar ist im Haus, neugierig nach unserem Wohin und Wozu fragten.

Hin und wieder erledigten wir gemeinsam bei Bernd unsere Schulaufgaben, lästerten oft über die seltsame Welt der Erwachsenen, oder wir spielten leidenschaftlich Karten. Brachen wir am Nachmittag von hier aus mit zwei, drei anderen Mitschülern zu unseren kleinen Stadt-, Park- und Waldabenteuern auf, durchquerten wir oft den großen, verwinkelten Innenhof zwischen den Häuserzeilen der Burg- und denen der Hauptstraße mit vielen aneinandergereihten dunklen Holz- und Kohlenschuppen, mit einigen kleinen Kaninchenställen dazwischen. Der Durchgang zur Hauptstraße war auch im Sommer immer kühl, die Tür zur Straße groß und wuchtig und beeindruckte immer wieder durch ihre schwere vornehme Schönheit. Wir waren damals jung, wir fühlten uns frisch und frei, wir waren neugierig auf das Leben, wir waren unbekümmert und rauchten gemeinsam im Park unsere erste Zigarette – nichts und niemand konnte uns etwas anhaben.

Auf der rechten Seite zu Beginn der Burgstraße an ihrem unteren Ende standen einige kleinere Wohnhäuser, die nach ihrem Abriß auf dem Foto nicht mehr zu sehen sind. In einer der alten Behausungen wohnte ein anderer älterer Schulkamerad – Feodor. Seine Mutter schaute oft tagsüber lange Zeit aus dem Fenster heraus. Verzweiflung und Not hatten zu einem tragischen Geschehen in ihrem Leben geführt, zum traurigen Verlust ihrer Gehfähigkeit. Sie verließ deshalb fast nie ihre Wohnung. Feos Mutter war dennoch nicht verbittert. Immer sehr freundlich zu uns Kindern, hatte sie für jeden von uns stets, vor allem für ihren Straßennachbarn Bernd, ein nettes Wort.

Die Jahre der schönen Kindheit vergingen ebenso rasch wie das jugendliche Frühlingserwachen: wir erlernten verschiedene Berufe. In jedem Leben von uns gibt es auch zutiefst traurige Stunden. So an einem unglücklichen Tag, an dem unser Schulfreund Bernd nach einem schweren Motorradunfall sein junges hoffnungsvolles Leben verlor, mit nur siebenundzwanzig Jahren. Seine Mutter überwand nie den Verlust ihres einzigen Sohnes. Für sie war seither jeder neue Tag abermals ein trauriger Tag. Sie freute sich jedoch, wenn sie jemanden von uns aus dem kleinen einstmaligen Freundeskreis in der Stadt traf und mit ihm über jene vergangene unbeschwerte Zeit vor dem verhängnisvollen Schicksalstag sprechen konnte.

Die Burgstraße gibt es noch immer. Sie weiß viel von ihren alten und neuen Bewohnern zu erzählen, von ihren Glücks- und Schicksalstagen. Vielleicht träumt auch sie manchmal von alten Zeiten, als der Fürst mit der hochherrschaftlichen Kutsche durch seine fürstliche Residenzstadt fuhr, jedoch nie die Burgstraße hinauffuhr. Dann wacht sie auf, darüber ein wenig verärgert, freut sich jedoch recht bald wieder an ihrem frischen, neuen Dasein und verzeiht, wie auch wir verzeihen, den und unseren Schattenseiten des Lebens. Der Fürst dachte vermutlich nie anders.

Foto:

Die alte Sondershäuser Burgstraße im späten Nachmittagslicht / Foto: Hubert Appenrodt

(Foto, aufgenommen mit einer Praktica-Kleinbildkamera aus Dresden, Kleinbildfilm im eigenen kleinen Labor entwickelt, das Foto hernach auf Fotopapier gebracht, alles als Schüler in einigen Sommerferien als Helfer in verschiedenen Kreisstadtbetrieben erarbeitet)

Mittwoch, 1. Februar 2017


Sondershausen im märchenschönen Winter

 

Ein Silvesterabend in der Stadt und
ein Neujahrstag auf dem Lande


Zum neuen Jahr – Großvaters Geschichten zum Neujahrstag und kein Durchkommen zum Backhaus


Von HUBERT APPENRODT

Was gehörte früher einmal zu einem gelungenen Silvesterabend? Radio und Fernseher hatten Empfangspause. Zur ausgelassenen Unterhaltung bis nach Mitternacht trugen die Silvestergäste selbst bei, unterstützt von Bowle, Bier und Sekt - bei gelegentlichem Konfettiregen und Werfen von Luftschlangen, woran die Kinder ihren Spaß hatten. Für den Sternenzauber am nächtlichen Raketenhimmel sorgte die Nachbarschaft, unsere Hündin Charly zitterte voller Angst vor dem Raketenlärm und fand unterm ausgezogenen Wohnzimmertisch Beistand und Trost von jedermann, bis zur erlösenden Stille am frühen Neujahrsmorgen.

Fehlen durfte auf keinem Fall zur großen Abendbrottafel eine große Schüssel mit Heringssalat, aufwendig mit allen denkbaren Verfeinerungen am Vormittag hergerichtet, ebensowenig eine Schüssel mit Kartoffelsalat und Wiener Würstchen und die klassische Bowle. Für alle drei Köstlichkeiten hatten sich tagsüber viele Hände geregt. Die beiden Brüder meiner Mutter, ihre Ehefrauen und Kinder verbrachten stets gern einige Jahre den Silvesterabend gemeinsam mit uns zusammen. So war das einige Zeit bei uns zu Hause in der Stadt.

Bei der väterlichen Verwandtschaft auf dem Lande im nahen Berka gehörte dazu, oft von meinem Cousin Wolfgang erzählt, die Ankündigung unseres gemeinsamen Großvaters Otto, zwischen zwei Zügen aus der Tabakspfeife, daß in der Silvesternacht die Haustiere sprechen können und bei dieser Gelegenheit einander erzählen, was ihnen vor allem an Ungemach im letzten Jahr widerfahren sei, als wir noch vertrauensselige Kinder waren und der aufsteigende Rauch aus der Tabakspfeife das Gesagte immer wieder bedeutungsvoll unterstrich - am Neujahrsmorgen in der kleinen guten Stube, umringt von neugierigen Kindern auch aus der Nachbarschaft. Ihnen allen gab er genüßlich zum Besten, was er diesmal in der vergangenen Nacht zu hören bekommen hatte. Es war ganz still im Raum.

Einige Münder standen weit offen, auch die der Zweifler. Jemand habe es versäumt, zum Abend hin das Schwein zu füttern, ein anderer vergessen, den Ziegenstall auszumisten, Milch für das Kätzchen sei verschüttet worden, die Kaninchen fanden wegen mangels an Futter eine Nacht nicht in den Schlaf, der treue Wachhund sei unsanft behandelt worden, und die Gänseschar, die zur Dämmerung allein nach Hause habe finden müssen, habe lange und ungeduldig vor verschlossenem Hoftor warten müssen. Dazu wurden alle Schuldigen beim Namen genannt. Niemand kam mit einer weißen Weste davon, es hatte sich übers Jahr einiges angesammelt. „Aber wir haben ja jetzt ein neues Jahr, da kann man manches wieder gut machen“, schloß tröstend der Großvater seine Ezählung und stopfte schmunzelnd eine neue Pfeife zur Feier des Tages und neuen Jahres.

Tante Irmgard, seine Tochter und Mutter meines Cousins, hatte das großväterliche Erzähltalent geerbt. Wenn ich zu Besuch war, und es gab in der herbstlichen Dämmerstunde Abendbrot, erzählte sie gern anschaulich neue Geschichten vom Gelben Männchen, das in einem kleinen Umspannhäuschen an der Chaussee nach Sondershausen sein zu Hause habe und allerlei Schabernack mit heimkehrenden Dorfbewohnern triebe. Tante Irmgard kannte die Namen all jener, denen es einen Streich gespielt hatte. Demnach setze sich das Gelbe Männchen bevorzugt auf den Gepäckträger von Fahrrädern oder auf den Hintersitz von knatternden Motorrädern, zum Leidwesen ihrer Besitzer, denen ein Vorwärtskommen plötzlich nur mit großen Mühen möglich war. Der Angstschweiß stünde ihnen bis nach Hause auf der Stirn. Vor dem Hoftor angekommen, sei das Gelbe Männchen ebenso schnell verschwunden wie es vordem aufgesprungen war. Unsere Tante versicherte, das sei erst in diesen Tagen diesem und jenem Dorfbewohner widerfahren, zwei, drei Häuser weiter könne man jederzeit nachfragen. Uns lief ein kleiner Schauer über den Rücken.

Einmal im Herbst heulte der Wind ein wenig ums Haus, und die Fensterläden klapperten: „Huch“, ließ sich beim abendlichen Broteschmieren unsere Tante urplötzlich vernehmen, „schaute nicht eben das Gelbe Männchen zum Fenster herein?“ Sie faßte sich mit Entsetzen an die Brust: „Eben war mir so.“ Uns gruselte es nun tatsächlich. Ein andernmal war sie nach kurzer Zeit so in ihr Erzählen vertieft, daß sie nicht bemerkte, wie sie ein Schnittbrettchen mit guter Butter zu beschmieren begann. Vorsichtig machten wir sie nach einer Weile darauf aufmerksam.

Unvergessen ist uns Kindern von damals ihr Bemühen, nachdem sie eines Tages zur Erntezeit auf einem großen runden Blech einen wunderbaren Apfelkuchen hergerichtet hatte, mit diesem auf dem Kopf zum Backhaus zu gelangen. Die Hoftür ließ sich noch öffnen, aber die ganze Straße war bis um die Kurve herum mit vollgepackten Erntewagen verstellt, die nach und nach zum Druschplatz an der Mühle vorgeschoben wurden. Es gab für unsere Tante kein Durchkommen, da überkam es sie. So laut, daß es jeder bei geschlossenem Fenster vernehmen konnte, ließ sie ihren Unmaut freien Lauf, im vertrauten Berkaer Wortklang: „Jetzt han se wedder die ganzen Wagens vor de Deer gestiepelt“, kleine Pause und zorniger, „daß me mit’n Koochen nicht deerchkämmt!“

Wir Kinder blieben auf Abstand. Wir vermieden es auch, nachzusehen, wie unsere Tante die Wagenburg doch noch bezwang. Wir wissen es bis heute nicht. Am nächsten überaus friedlichen Morgen gab es zu Malzkaffee mit Milch den berühmten, wohlschmeckenden Apfelkuchen unserer guten Tante.

Tante Irmgard starb viel zu früh, sie war grundgütig, Kindern herzlich zugetan, besaß Humor und konnte wunderbare Geschichten erzählen - mir ist sie bis heute unvergessen. In jedem Jahr erinnere ich mich neu an sie.

Märchenillustration von Alexander Zick (1845-1907) zu Dornröschen

 

Schneewittchen in der Hainleite
und auf verschneiter Schloßtreppe


Die Märchen der Brüder Grimm zur Weihnachtszeit
Erinnerungen an abendliche Märchenstunden in unserer Stadt

VON HUBERT APPENRODT

Wenn in der Vorweihnachtszeit der erste Schnee vom Himmel auf unsere Stadt herabfällt, sanft, still und leise, dann öffnet sich gleichsam das himmlische Tor auch für all unsere alten Märchen. Schneewittchen steht dann auf der verschneiten Schloßtreppe und schaut neugierig dem lebhaften Geschehen auf dem Sondershäuser Weihnachtsmarkt vor der Alten Wache zu. Das tapfere Schneiderlein läßt sich an einem Stand einen Fingerhut Mus reichen, während  Hänsel und Gretel am Pfefferkuchenstand Schneeweißchen und Rosenrot ins Cafe Pille zu Moccatorte und Pücklereis einladen. Am Glühweinstand tröstet sich der Fischer mit einem Gläschen nach dem anderen über seine stets unzufriedenen Frau hinweg, sie will nun, nachdem sie das fürstliche Landratsamt sah, Landrätin werden. Indessen gehen Rotkäppchen und seine Mutter von Stand zu Stand und kaufen am Ende für die kranke Großmutter eine Flasche Rotwein und bei Bäcker Hengstermann einen Kuchen. Der Bürgermeister im Rathaus hat Besuch von einer guten Fee erhalten und drei Wünsche frei. Er erhofft sich Einsicht, Nachsicht und eine weitere Amtszeit. Nach dem Gespräch im Bürgermeisteramt verschwindet die Fee wieder im Märchenbuch.

Als wir Kinder waren und noch nicht zur Schule gingen, las uns unsere Mutter jeden Abend zur guten Nacht ein Märchen der Brüder Grimm vor, aus zwei dicken Märchenbüchern mit Illustrationen von Lea Grundig. Jeden Abend, wir lagen bereits erwartungsfroh in unseren Betten, freuten wir uns vor dem Einschlafen auf das Gutenachtmärchen. Später kam ein Buch mit wunderbaren Illustrationen von Ludwig Richter hinzu, in dem wir im Herbst oder am winterliche Nachmittag oft blätterten oder später, als wir bereits zur Schule gingen, selbst lasen.

Die feinsinnigen, stimmungsvollen  Illustrationen trugen zur Verzauberung in uns bei. Wir waren dann ganz in uns selbst versunken - in prachtvollen Schlössern zu Hause, in prunkvollen Sälen und königlichen Gemächern, in tiefschwarzen Wäldern, hinter den sieben Bergen. Wenn wir später die heimatlichen Wälder durchstreiften, waren uns oft auch die Märchen der Brüder Grimm mit dem Geschehen in dunklen Wäldern, verwunschenen Brunnen und Quellen gegenwärtig. Einmal machte der Sondershäuser Redakteur Karl-Heinz Meyer rätselhaft geheimnisvoll auf sieben Hügel der Hainleite aufmerksam, bei guter Sicht könne man sie sehen und abzählen. Ob im Norden, Osten oder Westen oder im Süden – jeder findet wohl etwas in den Märchen, das von seiner Heimat erzählt.

In der Hainleite also weilte Schneewittchen, biß es unwissend in den vergifteten Apfel, war es in einem gläsernen Sarg aufgebahrt, bis zu seiner glücklichen Erlösung. Wir ließen uns am Wunschabend immer wieder das Märchen vom Schneewittchen vorlesen oder das von Dornröschen, uns gefielen Rapunzel und Rotkäppchen, Brüderchen und Schwesterchen und Allerleirauh, in der Weihnachtszeit besonders Hänsel und Gretel.

Später entdeckten wir, in welch schöner, wunderbarer, oft auch humorvoller Sprache die Märchen von Jakob und Wilhelm Grimm abgefaßt sind. Welche Grausamkeit doch manches Märchen enthielt, störte uns damals nicht, weil es immer ein gutes Ende gab, mit gerechter Strafe für das Böse und für die anderen, denen aus großer Not geholfen worden war, das Versprechen, als Lohn nunmehr ein langes, besseres Leben vor sich zu haben: „Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen.“

Das sollte auch in Sondershausen seit jeher nicht anders sein.



Freitag, 5. August 2016

Zum Tag des Bergmanns
mit Freddy Quinn auf der Lohbühne
 

Unvergessene Festtage im Lohpark: das Gedränge war stets groß, die Bankreihen vor der Lohbühne immer besetzt beim frohen Beisammensein am Ehrentag der Glückauf-Bergleute


VON HUBERT APPENRODT

In jedem Jahr freuten wir uns im Sommer auf den ersten Sonntag im Juli, auf den Tag des Bergmanns mit seiner Festlichkeit und seinen vielversprechenden Veranstaltungen im Lohpark. Bereits am Morgen zog die Bergmannskapelle mit einem kraftvollen „Glückauf“ durch die Straßen, um mit einem musikalischen Morgengruß die Bürger der Stadt auf den Ehrentag der Bergleute einzustimmen. Die ansehnlichen Uniformen und Ehrenkleider saßen tadellos, im Sonnenlicht glänzten die blankgeputzten Instrumente, und die Musiker spielten frisch auf, daß es allen eine Freude war - die Stubenfenster waren weit geöffnet, ebenso die Ohren und Herzen der Stadtbewohner.

Frohsinn und gute Laune setzten sich danach auf dem Festplatz im Lohpark fort, vom frühen Vormittag bis in den Abend hinein sorgten künstlerische Darbietungen auf der Lohbühne für allerlei Abwechslung. Das Lohorchester spielte, Volkstanzgruppen und Chöre der Stadt traten auf, und es gab auch Aufführungen der Konzert- und Gastspieldirektion zu bewundern, manchmal mit bekannten Künstlern, die wir vom Fernsehen her kannten. Die Organisatoren ließen sich alljährlich stets etwas Besonderes einfallen. Auch die Gaumenfreuden kamen nie zu kurz - an den Bratwurstrosten, in den Festzelten und an den Brauereiwagen mit Bierausschank, an den Verkaufsständen für Eis und Schokolade. Für uns Kinder war der Bergmannssonntag ein ebenso freudiger Tag wie für die Bergarbeiter und ihre Familien - und für die Bürger der Stadt, die alljährlich eingeladen waren, mit den Kaliwerkern ein frohes Beisammensein zu begehen.

Vorausgegangen waren zuvor Auszeichnungsveranstaltungen in verschiedenen Betriebsteilen und Brigaden und auf einer zentralen Festversammlung, bei denen Bergleute, aber auch Arbeiter des Kaliwerks und Angestellte mit beachtenswerten Leistungen als Aktivist oder als Verdienter Bergmann ausgezeichnet worden waren oder die Ernennung zum Meisterhauer erhalten hatten. Die Auszeichnungen waren Grund genug, die Freude darüber mit anderen zu teilen, vor allem zu begießen. Dafür gab es auf dem Festplatz ausreichend Gelegenheit.

Das Gedränge war stets groß, alle Bankreihen vor der Lohbühne immer besetzt. Die Bratwurstroste verbreiteten den ganzen Tag über ihren wohlriechenden Duft, die erwachsenen Männer tranken ihr Bier vom Riesenfaß in dickwandigen Gläsern, wozu verschiedene Brauereien des Landes festlich geschmückte Ausschankwagen nach Sondershausen entsandt hatten. Für uns Kinder gab es nach der Bratwurst mit Brötchen und viel Senf aus einem großen Topf neben dem Rost eine Faßbrause, später ein Eis und, wenn das Geld noch reichte, für den Heimweg eine kleine Tafel Schokolade. Hierfür hatten wir ein ausreichendes Taschengeld erhalten.

Kam die Dämmerstunde, hatten wir, wie den Eltern versprochen, nach Hause aufzubrechen. Das Bühnengeschehen war jedoch besonders an lauen, windstillen Sommerabenden noch weithin zu vernehmen. Zu Hause angekommen, lauschten wir deshalb oft noch eine Weile vor dem Haus, was aus dem Lohpark bis zu uns herüber drang. Fast immer spielte jetzt eine Kapelle zum Tanz auf, für die Neu- und Altverliebten vor der Lohbühne. Einmal gab es eine kurze Unterbrechung und dann die Ansage, daß jetzt ein junger Mann mit seiner Gitarre zu hören sei, ein musikalisches Talent aus Sondershausen, damals vielleicht um die neunzehn Jahre alt, der fast eine Stunde lang ein Solokonzert gab – vor allem mit beliebten Liedern von Freddy Quinn. Nach jedem Vortrag gab es Riesenbeifall, besonders für „Fährt ein weißes Schiff nach Hongkong“ und „Junge, komm bald wieder“, und immer wieder laute Rufe nach Zugabe.

So erklang ein Lied nach dem anderen, über Liebe im Hafen und Matrosen auf hoher See, über Sehnsucht nach der Ferne, über Heimweh und Einsamkeit. Der wunderbare Gesang zur virtuos beherrschten Gitarre war sehr berührend und blieb vielen von uns unvergessen. Es war ein vortrefflicher Festtagsabschluß, über den in der Stadt noch lange gesprochen wurde.

Einige Tage später lenkte im Bergbad ein Klassenkamerad die Aufmerksamkeit auf einen jungen Mann, der auf einer Liegewiese seine Decke ausgebreitet hatte und leise auf seiner Gitarre spielte, mit leuchtenden Augen angehimmelt von einem jungen Mädchen neben ihm. „Das ist er, vom Bergmannstag.“ Und er fügte versonnen hinzu: „Gitarre müßte man spielen können – oder wenigstens Klavier.“

Freitag, 22. Juli 2016

DIE MÄRCHEN DER BRÜDER GRIMM IN UNSERER KINDHEIT

Eine Erinnerung an abendliche Märchenzeiten



MÄRCHENHAFTE LANDSCHAFT – WESTFÄLISCHE WASSERMÜHLE VON:
Andreas Achenbach (29. September 1815 in Kassel - 1. April 1910 in Düsseldorf)


VON HUBERT APPENRODT



Als wir Kinder waren und noch nicht zur Schule gingen, las uns unsere Mutter jeden Abend ein Märchen der Brüder Grimm vor, aus zwei dicken Märchenbüchern mit Illustrationen von Lea Grundig. Die Märchen seien sehr lehrreich. Jeden Abend, wir lagen bereits voll froher Erwartung in unseren Betten, freuten wir uns vor dem Einschlafen auf das Gutenachtmärchen. Später kam ein Buch mit wunderbaren Illustrationen von Ludwig Richter hinzu, in dem wir an manch grauem Regentag im Herbst oder bei tief stehender Sonne am winterliche Nachmittag oft blätterten oder später, als wir bereits zur Schule gingen, selbst lasen.



Die feinsinnigen, stimmungsvollen  Illustrationen trugen wesentlich zur Verzauberung in uns bei. Wir waren jedesmal dann ganz in uns selbst versunken - in prachtvollen Schlössern zu Hause, in prunkvollen Sälen und königlichen Gemächern, in tiefschwarzen Wäldern, hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen. Wenn wir vor unser Haus traten und zur Hainleite hinübersahen, jemand hatte uns darauf aufmerksam gemacht, konnten wie sieben Berge abzählen. Dort also weilte Schneewittchen, aß es unwissend den vergifteten Apfel, war es in einem gläsernen Sarg aufgebahrt, bis zu seiner glücklichen Erlösung. Oder wir bewunderten das tapfere Schneiderlein, wie es zwei Riesen hinters Licht führte und alle anderen Tapferkeitsproben gleichfalls einfallsreich und listig bestand. Wir hofften, nachdem wir das Märchen bereits kannten, mit dem Froschkönig und seinem getreuen Diener Heinrich auf Erlösung oder freuten uns mit den Bremer Stadtmusikanten, doch noch etwas besseres als den Tod gefunden zu haben, bevor am Abend die Nacht hereinbrach. Wir ließen uns am Wunschabend immer wieder das Märchen vom Schneewittchen vorlesen oder das von Dornröschen. Uns gefielen die Märchen von Rapunzel und Rotkäppchen, Brüderchen und Schwesterchen oder Allerleirauh, in der Weihnachtszeit besonders Hänsel und Gretel. Und bis heute kann ich mir keine anderen Illustrationen denken als jene von Lea Grundig und Ludwig Richter.



Später entdeckten wir, in welch schöner, wunderbarer, oft auch humorvoller Sprache die Märchen von Jakob und Wilhelm Grimm abgefaßt waren. Andererseits fiel uns erst viel später auf, welch Grausamkeit doch manches Märchen enthielt - was uns als Kinder damals weiter nicht störte, weil es immer Erlösung und ein gutes Ende gab, mit gerechter Strafe für das Böse und für die anderen, denen aus großer Not geholfen worden war, das Versprechen, von nun an ein langes, sorgenfreies Leben vor sich zu haben. Wie im richtigen Leben, wenn man das eine oder andere großzügig übersieht und nicht weiter beachtet – so daß auch wir nach einiger Zeit mit Jakob und Wilhelm Grimm sagen können: „Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie (und wir) lebten in lauter Freude zusammen.“



***

DIE ERSTEN FÜNFZEHN MÄRCHEN DER BRÜDER GRIMM



In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, daß die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien. / Eine Katze hatte (indessen) Bekanntschaft mit einer Maus gemacht und ihr soviel von der großen Liebe und Freundschaft vorgesagt, die sie zu ihr trüge, daß die Maus endlich einwilligte, mit ihr zusammen in einem Haus zu wohnen und gemeinschaftliche Wirtschaft zu führen. / Sie waren aber so arm, daß sie nicht mehr das tägliche Brot hatten und nicht wußten, was sie (einander) sollten zu essen geben. / Bald danach kam der Küster zum Besuch ins Haus, da klagte ihm der Vater seine Not und erzählte, wie sein jüngster Sohn in allen Dingen so schlecht beschlagen wäre, er wüßte nichts und lernte nichts.



(Und) Es dauerte nicht lange, so klopfte jemand an die Haustür und rief 'macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht.' / Da sah der getreue Johannes, daß es nicht mehr zu ändern war, und suchte mit schwerem Herzen und vielem Seufzen aus dem großen Bund den Schlüssel heraus. / Da ward der Fleischer zornig, griff nach einem Besenstiel und jagte ihn hinaus. / Da nahm er die Geige vom Rücken und fiedelte eins, daß es durch die Bäume schallte. / Die Mutter aber saß nun den ganzen Tag und trauerte, so daß der kleinste Sohn, der immer bei ihr war, und den sie nach der Bibel Benjamin nannte, zu ihr sprach ‚liebe Mutter, warum bist du so traurig?’ / Da gingen sie zusammen fort auf den Berg, und weil es ein heller Tag war, blieben sie bis zum Abend.



Es trug sich aber zu, daß der König des Landes eine große Jagd in dem Wald hielt. / Da hörte er einen Gesang, der war so lieblich, daß er still hielt und horchte. / Nun war der König in großer Freude, er hielt aber die Königin in einer Kammer verborgen bis auf den Sonntag, wo das Kind getauft werden sollte. / Da erschrak der Königssohn und sprach ‚so soll mir nun und nimmermehr meine schöne Braut ein Spinnrad anrühren.’ / Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen.





Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich

Katze und Maus in Gesellschaft

Marienkind

Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

Der treue Johannes

Der gute Handel

Der wunderliche Spielmann

Die zwölf Brüder

Das Lumpengesindel

Brüderchen und Schwesterchen

Rapunzel

Die drei Männlein im Walde

Die drei Spinnerinnen

Hänsel und Gretel


MÄRCHENHAFTE LANDSCHAFT Gemälde von Andreas Achenbach (29. September 1815 in Kassel - 1. April 1910 in Düsseldorf)



Langer Feriensommer in Sondershausen
mit Pücklereis, Dreieckbadehose und Klatschmohn
 

Kindheitserinnerungen an acht Ferienwochen, an frohe Tage im Kinderferienlager, bei den örtlichen Ferienspielen, im Schwimmlager oder unterwegs mit dem Fahrrad



VON HUBERT APPENRODT

Sommer in Sondershausen war, wenn das Bergbad öffnete und hierfür im Sportwarengeschäft in der heutigen Güntherstraße reichlich Dreieckbadehosen auslagen - in drei Größen und Farben, in grün, weinrot und blau. Der Sommer war gekommen, wenn zur Hardt hoch der weiße Holunder blühte und die Amseln im Schloßpark ihren Nachwuchs zu ersten Flugversuchen verlockten - wenn es im Cafe Pille wieder das wunderbare Pücklereis gab, eine Köstlichkeit aus Schoko-, Vanille- und Himbeereis zwischen zwei Waffeln. Wir Kinder liebten es. Vor dem Cafe Pille stand auf einer Tafel mit Kreide geschrieben: Heute Pücklereis!

Der herbeigesehnte Feriensommer begann nicht nach dem Kalender, er nahm seinen Anfang in der ersten Juliwoche nach dem Empfang der Zeugnisse. Danach freuten wir uns über acht lange schulfreie Wochen. Einige fuhren ins Kinderferienlager des Betriebes, in denen die Eltern arbeiteten, andere nahmen an örtlichen Ferienspielen teil oder am Schwimmlager, betreut von den Sportlehrern Harry Eisenkrätzer und Herbert Reinhold von der Käthe-Kollwitz-Schule.

Wer mit ins Kinderferienlager fahren wollte, erhielt einen Laufzettel für eine ärztliche Untersuchung, danach ein Merkblatt, was ins Ferienlager mitzunehmen war: ein Kulturbeutel mit den üblichen Waschutensilien: Seife, Zahnpasta und –bürste, Handtücher, ein Becher. Ein vollständiges Eßbesteck mit Geschirrtuch gehörte ebenso dazu wie leichte und warme Kleidung für heiße Sonnen- oder kühle Ferientage oder Regenwetter. Einmal fuhren wir für einige Wochen ins Selketal im Harz. In verschiedenen Gebäuden der Selkemühle untergebracht, waren wir von dunklen Märchenwäldern mit mittelalterlicher Burg umgeben, zu der wir einmal wanderten. Dort bewunderten wir den prunkvollen Festsaal und Ritterrüstungen und die geheimnisvollen dunklen Kellergewölbe. Von den Burgfenstern konnten wir von oben herab auf eine wunderbare waldreiche Landschaft sehen. Unvergessen blieb auch eine Nachtwanderung bei Vollmond. Zum Berg- und Abschlußfest stellten wir kleine Programme zusammen mit Volksliedern, Tänzen und einigen Gedichten. Unseren Eltern schrieben wir Ansichtskarten, auf denen wir Unternehmensfreude, gutes Essen und Sonnenschein bestätigten.

Wieder zu Hause, nach wehmutsvollem Abschied im Ferienlager, fuhren wir manchmal zu Verwandten aufs Land oder durchstreiften mit Klassenkameraden die stadtnahe Natur, am Nachmittag tobten wir uns im Bergbad aus. Oder wir fuhren mit dem Fahrrad zum Kyffhäuser oder zur Barbarossahöhle.

Sommer in Sondershausen - wenn man ein wenig träumend die Augen schloß, konnte man ihn sehen, wie er mit dem Aufgehen der Sonne die morgenkühlen Wälder der Wind- und Hainleite durchstreifte. Wenig später saß er auf der Schloßmauer und ließ in der Mittagshitze über der Stadt den feinen Sonnenstaub tanzen. Am Nachmittag durchwehte er die Weizen- und Roggenfelder, an deren Rändern im Sonnenlicht die Blüten des Klatschmohn hellrot aufleuchteten.

In den Gärten reiften die Früchte für feine Kuchen: Stachelbeeren, rote und schwarze Johannisbeeren, nahe am Boden die Erdbeeren und der wunderbare Rhabarber, an den Obstbäumen Sauer- und Süßkirschen, grüne und rotwangige Äpfel und saftige Birnen.

Die Natur ist voller Abenteuer. Auf einer ungemähten Wiese am kleinen Parkteich erfreuten sich Schmetterlinge und Insekten an ihrem unberührten Lebensraum. Die Grashüpfer waren kaum zu sichten, aber weithin zu hören. Die Maulwürfe erweiterten ihre unterirdischen Gänge, gelegentlich schoben sie Erdreich nach oben. Marienkäfer und Ameisen störte das nicht, der Laubfrosch sprang zur Seite, wenn sich die Erde anhob. Über dem Parkteich schwirrten und sirrten die Libellen, das Schwanenpaar zeigte dem Nachwuchs, wie man nach Nahrung am Teichgrund sucht.

Und noch einmal kam Wehmut auf, die letzte Ferienwoche war angebrochen. Im Schreibwarengeschäft von Emmi Weide am Markt waren die neuen Schulbücher eingetroffen. Dazu kauften wir Schreib- und Rechenhefte, einen Zeichenblock für den Unterricht bei Herrn Frenzel, ein Notenheft für die Musikstunde bei Herrn Köhler. Im Bürobedarf Tetzlaff holte ich meinen Füllfederhalter ab, der von Herrn Tetzlaff sorgfältig gereinigt und mit einer neuen Feder versehen worden war.

Die Felder waren abgeerntet, im Park schwiegen die Grillen, und im Cafe Pille gab es kein Pücklereis mehr. Der lange, lange Sommer war vorüber.




Sonnenheller Sommertag am kleinen Schwanenteich im schattenreichen Schloßpark mit früher ungemähter Sommerwiese hinter dem Parkhäuschen  
Foto: Hubert Appenrodt

Sonntag, 15. Mai 2016


Untergehende Sonne an einem stillen Abend im Kyffhäuserkreis, nach einem langen Frühlingstag, besinnliche Landschaft bei Bad Frankenhausen - Foto: Tobias Schindler


Vor langer Zeit an einem Frühlingstag in Sondershausen


In der alten Schäferei treffen die Schwalben aus dem Süden ein, die Schwanenpaare ziehen sich im Park zum Brüten zurück, Dirigent Wiesenhütter probt mit dem Lohorchester Vivaldis Jahreszeiten
 



VON HUBERT APPENRODT



Auf einem kahlen Ast, der zu einem Kastanienbaum im Schloßpark gehört, taut der letzte Schnee vom Winter, der nun vergangen ist. Nur hier und da verblieb ein wenig Schnee. Dicke Tropfen fallen im hellen Frühlingslicht auf den Wegesrand und versetzen für einen Augenblick ein neugieriges Eichhörnchen in Erstaunen – an einem sonnigen Tag, als es die Kleine Wipper noch gab und die Mühle am Parkeingang, nahe der kleinen und großen Wipperbrücke.


In den Stallungen der alten Schäferei Dötzel am Schwarzen Bären sind aus dem fernen Afrika die ersten Rauchschwalben eingetroffen, in ihre alten Kugelnester, die sogleich ausgebessert werden, mit Speichel, Lehm- und Erdklümpchen, versehen mit Heu- und Strohhalmen. Später werden aus dem Süden Mehlschwalben folgen, die mit Vorliebe an den Außenwänden der Schafställe ihre Nester anbringen. Zu den Vorboten des Frühlings zählen auch die Schneeglöckchen. In einem viel bewunderten Garten nahe dem Jugendklubhaus blühen tausend Schneeglöckchen, von Februar bis Ende März, in jedem Frühjahr solange es den Garten gibt.

Als Frühlingsvorboten gelten die geselligen Stare und an den städtischen Gewässern die zierlichen Bachstelzen. Mauersegler an den Türmen der Stadt und Nachtigallen im Park werden erst Ende April erwartet. In den Wäldern der Wind- und Hainleite erwachen Waldameisen aus ihrer Winterstarre, geweckt von der Frühsonne, deren Strahlen ihre angelegten Wohn- und Lebenshügel erwärmen. Die Ameisen durcheilen sogleich die Gänge nach oben ins Freie, um sich von der Sonne wärmen zu lassen. Danach geben sie die Wärme in den Gängen und Bruträumen an den großen Ameisenhügel ab.

Die Sonne erfreut Mensch und Natur. Und wer eben noch krank war, schöpft am hellen Frühlingstag frischen Lebensmut und neue Zuversicht. Am Erwachen der Natur im Park und in den Anlagen, in den Vorgärten und in den Wäldern haben die kleinen und großen Stadtbürger gleichermaßen ihre Freude. „Nun will der Lenz uns grüßen“ singen voller Glücksgefühl in einem Raum neben der Aula der Käthe-Kollwitz-Schule Mädchen und Jungen einer dritten Klasse. Frau Rosenstiel begleitet sie dazu auf dem Akkordeon. Die Schüler haben sich zum Singen erhoben und können beim Gesang zum Fenster hin über die Dächer von Sondershausen hinwegschauen, im Hintergrund sind die flach ansteigenden Felder der Windleite zu sehen, die bald für die Frühjahrsaussaat beackert werden.

Am Haus der Kunst stellt zu dieser Zeit Herr Gertler aus dem Schersental sein Fahrrad ab und eilt mit seiner Violine zur Orchesterprobe für Vivaldis Jahreszeiten, dessen Frühlingssatz am Abend in einem Lohkonzert erklingen soll. Dirigent Gerhart Wiesenhütter hebt den Taktstock und gibt das Zeichen zum Einsatz, die Musiker beginnen gut vorbereitet mit virtuosem Spiel. Die feinsinnige Musik aus dem Barock erwärmt auch ihre Herzen.

In der Hospitalstraße schaltet Schuldirektor Löhrius das Radio an und sagt: „Heute wollen wir einmal nicht traurig sein.“ Er dreht sich lächelnd zu seiner Frau um und fragt leise: „Darf ich bitten?“ Und beide tanzen versonnen zum Donauwalzer in ihrem Wohnzimmer um den großen Stubentisch herum. Wie in alten unbeschwerten Tagen, von denen sie glaubten, sie seien für immer vergangen, weil sie vor Jahren ihren kleinen Sohn verloren. Als der Walzer verklungen ist, sagt Frau Löhrius: „Vielleicht hat uns unser lieber Junge soeben zugesehen.“ –„Und sich mit uns gefreut.“

Im Kräuter- und Gemüsegarten indessen, den es damals am Krankenhaus noch gab, unterbricht zur gleichen Zeit Herr Aschoff das Herrichten eines Frühjahrsbeets und greift mit der Hand ins lockere Erdreich. Ich komme gerade aus der Schule. Er ruft mich freundlich zu sich und hält mir seine flache Hand mit der Gartenerde entgegen: „Darin ist soviel Leben, sichtbares und unsichtbares, mehr als es Menschen auf dieser Erde gibt.“ – „Ja“, sage ich, „darüber haben wir heute im Biologieunterricht gesprochen. Bei Herrn Henze.“ - „Alles Leben erwacht neu“, sagt Herr Aschoff, „dafür richte ich das Beet her.“

Zu Hause schlage ich die Zeitung auf. Auf der Lokalseite lese ich eine kleine Notiz zum Frühlingsanfang: Am ersten Frühlingstag schien die Sonne. Im Schloßpark haben sich die Schwanenpaare zum Brüten zurückgezogen, darunter auch Schwan Hans und seine treue Begleiterin. Ein Eichhörnchen suchte und fand eine Nuß aus seinem Wintervorrat und verzog sich rasch in einem Baumwipfel.